Semantische
Untersuchungen organischer Informationsverarbeitung
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Stichworte: Semantik, Selbst-X-Eigenschaften, Hopfieldnetze, Organic Computing
Zielgruppe: Studierende der Computerlinguistik oder Informatik
In der belebten Welt
findet man zahlreiche Beispiele von zielgerichteten
und anpassungsfähigen Systemen. Biologische Prozesse, die dazu führen, daß
Organismen adaptiv auf Informationen ihrer Umwelt reagieren,
müssen als informationsverarbeitende Prozesse
aufgefaßt werden. Das zielgerichtete und adaptive Verhalten
biologischer Organismen tritt in
Form von verschiedenen Selbst-X Eigenschaften
(Selbst-Konfiguration, Selbst-Optimierung, Selbst-Heilung,
Selbst-Schutz) in Erscheinung. Organic Computing verfolgt das
Anliegen, zum einen eine konzeptionelle Grundlage zum besseren
Verständnis organischer Systeme und ihrer phänomenalen (in
der Erscheinung begründeten) Merkmale zu entwickeln und
zum anderen Systeme mit solchen Merkmalen auf der Grundlage eines
organisch strukturierten und zielorientierten Systementwurfs
technisch zu konstruieren. Dazu werden
informationsverarbeitende
Prozesse durch Systeme von Differentialgleichungen dargestellt.
Information wird in dieser Weise in Bezug auf ihren
pragmatischen Aspekt beschrieben,
d.h. durch die in der Veränderung von Zustandsvariablen zum Ausdruck
kommende Wirkung von Information. Zielstrebigkeit und Selbst-X Eigenschaften
beziehen sich jedoch auf semantische Aspekte, welche in der Dynamik
organischer Systeme begründet sind.
Darum erfordert
sowohl das Verständnis organischer Systeme als auch der
organischen Systementwurf eine Erklärung jener semantischen Dimension
auf der gegebenen Beschreibungsgrundlage.
Die von Noam Chomsky und Jerry A. Fodor entwickelten computationalen Theorien
mentaler Zustände verleiten zu der These, daß der menschlichen Sprache kein
semantisches System vorausgegangen sei,
welches beispielsweise bei Tieren zu finden wäre und welches
ohne eine symbolische Repräsentation auskäme. Demzufolge
wäre eine Semantik organischer Informationsverarbeitung
überhaupt nicht möglich. Neuere Ansätze aus dem Bereich der Kognitionswissenschaften
widersprechen solchen symbolischen Theorien. Vor allem können
die in den zuvor dargelegten phänomenalen Merkmalen organischer Systeme
auftretenden
semantischen Aspekte durch die computationale Theorie von Chomsky und Fodor nicht
erklärt werden. Es ist jedoch eine Tatsache, daß
dynamischen visuellen Eindrücken eine "Bedeutung"
im Sinne eines konkreten Konzepts
des Bewegungsverlaufs zugeordnet wird. Dies soll in der folgenden
Animation durch zwei Sequenzen von Bildern verdeutlicht werden,
in denen jeweils unterschiedlich positionierte farbige Kreise
dargestellt sind.

Die erste Bildsequenz erlaubt es bereits während des Ablaufs,
einen Bewegungsverlauf zu antizipieren. Obgleich die dargestellten
Kreise unterschiedliche Farben besitzen, findet eine Identifikation
aller Kreise statt. In der zweiten Bildsequenz ist noch nicht einmal
im Nachhinein ein Bewegungsverlauf zu rekonstruieren, noch weniger
kann ein solcher während der Bildabfolge antizipiert werden. Es
ist trotz ihrer farblichen Identität schwierig, die
unterschiedlich positionierten Kreise als ein und dasselbe Objekt zu
identifizieren. Offensichtlich wird der ersten Bildsequenz im
Gegensatz zur nachfolgenden Bildsequenz ein Bedeutungsinhalt
zugeordnet, da jene als stetige Translation approximiert werden kann. Eine solche
Semantik beruht auf keiner Konvention, wie dies bei einem
semiotischen Zeichen der Fall wäre. Der Bedeutungsinhalt ist
vielmehr ohne Kenntnis eines Codes zu verstehen und die beobachtete
Dynamik daher selbst-erklärend.
Die meisten theoretischen Ansätze innerhalb der Semantik gehen
davon aus, daß Bedeutungsinhalte mentaler Natur sind und als Konzepte im menschlichen Geist aufzufassen
sind (mentalistische Ansätze). Strukturalistische mentalistische
Theorien verstehen Bedeutungsinhalte als mentale Strukturen. In
dieser Arbeit soll zunächst dargelegt werden, in welcher Weise
nicht-konventionell, sondern in topologischen Strukturen
begründete semantische Aspekte organischer Systeme zum Ausdruck kommen
und für einen organischen Systementwurf relevant sind. Bei Interesse kann auch
erörtert werden, inwiefern eine entsprechende Theorie der Semantik mit
bestehenden theoretischen Ansätze in Einklang zu bringen ist,
wobei insbesondere das strukturalistische und das kognitive
Modell naheliegend wären. Der Fokus der Betrachtungen liegt hierbei in dem
Verhältnis zwischen Konzept und Gegenstand.

In Kooperation mit der Arbeit Topologische
Untersuchungen an Modellen neuronaler Informationsverarbeitung
soll darüberhinaus ermittelt werden, inwiefern sich derartige
semantische Aspekte in der Topologie neuronaler Netzwerke
widerspiegeln. Zuletzt ist eine Benutzeroberfläche für den
Entwurf und die Simulation organischer Systeme zu implementieren.
Bei Interesse besteht die Möglichkeit, an einem Artikel für eine dem Themengebiet entsprechende Konferenz mitzuwirken. Weitere Details bei Anfrage.
Wegen des interdisziplinären Hintergrunds der Thematik ist die
fachübergreifende Zusammenarbeit innerhalb unserer Arbeitsgruppe
bei allen im Rahmen des Projekts ausgeschriebenen Bachelor-, Master- und Diplomarbeiten
ausdrücklich erwünscht.
Literatur und Links:
Playpen: Toward an Architecture for Modeling
the Development of Spatial Cognition
Origins of language: A conspiracy theory
Systems Biology Markup Language (SBML)
LYRE, H.: Informationstheorie - Eine
philosophisch-naturwissenschaftliche Einführung. Fink,
München, 2002
LÖBNER, S. : Semantik. Eine Einführung. De Gruyter.
2003
DEHAENE, S. The number sense. How the mind creates mathematics.
Oxford University Press, 1997. Siehe auch:
http://www.unicog.org/publications/Dehaene_PrecisNumberSense.pdf
ECO, U.: Einführung in die Semiotik. (autorisierte
deutsche Auflage durch Jürgen Trabant), Fink, München 2002.
(Orig. 1962), ISBN. Umberto Eco (1991).
HOPFIELD, J. J. : Neural Networks and Physical Systems with
emergent collective computational abilities. Proceedings of the
National Academy of Sciences, 1982, 79: 2554 -2558
v. d. MALSBURG, C. : The
Coherence Definition of Consciousness. In Ito, M. and Miyashita, Y.
and Rolls, E. T., Eds. Cognition, Computation and Consciousness,
pages pp. 193-204. Oxford University Press, 1997.
Last modified: Tue Mar 10 06:55:00 CET 2009