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Zwar mögen auch strukturalistische Theorien einzelnen Repräsentationen
eine Bedeutung zugestehen, maßgeblich müssen Bedeutungen jedoch aus den
Strukturen eines Systems hervorgehen. Aus diesem Grunde können
wahrheitskonditionale
Semantiken und ebenso die von Jerry Fodor im Rahmen des
Funktionalismus aufgestellte
repräsentationale Theorie des Geistes nicht als strukturalistisch angesehen werden [Es02].
Der Strukturalismus hat seine Wurzeln zum einen in
der Linguistik (Ferdinand de Saussure, Claude Lévi-Strauss,
Louis Hjelmslev), zum anderen in der Mathematik durch David Hilbert, der
die Annahme traf, daß der semantische Gehalt mathematischer Grundbegriffe
allein aus ihren wechselseitigen Beziehungen hervorgehe. Hilbert
verfolgte das Ziel, geometrische Begriffe von jedem Bezug
auf Anschaulichkeit freizuhalten, da er darin eine stete Quelle von
Fehlschlüssen sah [HM04]. Wie in "The number sense" und die
Bedeutung von Zahlzeichen erläutert wird, ist die
menschliche Anschauung von Zahlzeichen und einfachen arithmetischen
Operationen in der Tat geometrischer, d.h. präziser ausgedrückt
topologischer Natur, was auf die Divergenz zwischen natürlicher Bedeutung
der Zahlen und einer formalistisch konzipierten Semantik hinweist.
Tatsächlich scheiterte Hilberts Anliegen einer impliziten Definition
geometrischer Begriffe daran, daß die automome Struktur eines
rein formalistisch entworfenen Systems den empirischen Gehalt von Begriffen
in keiner Weise reflektiert [Be08]. Überdies jedoch kann die Mathematik, wie Kurt Gödel
später zeigte, ohnehin nicht immanent, d.h. allein aus ihren Gesetzen heraus,
begründet werden, denn nach Gödels Unvollständigkeitssätzen von 1931, lassen sich
die Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit
eines hinreichend aussagekräftigen formalen Systems nicht miteinander vereinbaren, wodurch
sich Hilberts Versuch einer widerspruchsfreien Formalisierung der Mathematik
(Hilbertsches Programm)
als unmöglich erwies.
Der semantische Holismus war ursprünglich und für lange Zeit weitgehend formalistisch geprägt.
In der auf de Saussure zurückgehenden und durch Louis Hjelmslev formalisierten
differentialistischen Semantik haben sprachliche Elemente allein
dadurch Bedeutung, daß sie sich voneinander unterscheiden. In der von Wilfried Sellars formulierten
Theorie, die heute als inferentialistische Semantik bezeichnet wird und auf die strukturalistischen
Ansätze David Hilberts zurückgeht,
sind ausschließlich die Schlußfolgerungsbeziehungen zwischen Ausdrücken bedeutungskonstituierend.
Dies führt in beiden Beispielen auf das Problem des empirischen Gehalts und einen unauflösbaren
Dualismus von Struktur und sprachlicher Praxis.
Im sogenannten postformalistischen Holismus oder Neostrukturalismus
setzt sich die Erkenntnis durch, daß der Zusammenhang von sprachlichen Strukturen mit der Welt
und mit der sprachlichen Praxis nur verstanden werden kann, wenn deren Merkmale in die
bedeutungskonstituierenden Strukturen eines semantischen Systems einfließen,
sodaß sie darin in einer spezifischen Form
reflektiert werden. Insbesondere solche neostrukturalistischen Ansätze, die sich weniger auf
die Praktiken der Sprachverwendung, sondern auf sinnliche Wahrnehmung als strukturmodulierende
Faktoren beziehen, sind für unser Seminar zweifellos von besonderem Interesse.
Zuzuordnen in die Fachbereiche: Semiotik, Linguistik,
Philosophie.
Mathematische Voraussetzungen: keine
Literatur und Links:
[Be08] BERTRAM, G.W., et. alii:
In der Welt der Sprache. Konsequenzen des semantischen
Holismus. Suhrkamp, 2008.
[Eco91] ECO, U.: Einführung
in die Semiotik. (autorisierte deutsche Auflage durch Jürgen
Trabant), Fink, München 2002. (Orig. 1962), ISBN. Umberto Eco
(1991).
[Es02] ESFELD, M.: Holismus. Suhrkamp, 2002
[Es08] ESFELD, M.: Naturphilosophie als
Metaphysik der Natur. Suhrkamp, 2008
[HJ68] HJELMSLEV, L.: Die Sprache.
Eine Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968
[HM04] HILBERT, D: Grundlagen
der Geometrie. Teubner 1899. Neudruck in HALLET, M.; MAJER, U. (ed.):
David Hilbert's Lectures on the foundations of Mathematics and
Physics, 1891–1933. Springer, 2004
[Lö03] LÖBNER, S. : Semantik.
Eine Einführung. De Gruyter, 2003
[Sa67] DE SAUSSURE, F.: Cours
de linguistique générale, Genf 1915; dt. Übers.
Charles Bally: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft.
2. DeGruyter, 1967
Semiotics for Beginners
Philosophy of Mathematics (Stanford
Encyclopedia of Philosophy)
Sebastian Löbner: Online-Wörterbuch
zur Semantik und Pragmatik
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