Strukturalistische Semantik

Strukturalismus tritt als Begriff in verschiedenen Wissenschaften auf. In der Sprachphilosophie wird er auch als semantischer Holismus bezeichnet. Darin liegt die philosophische Grundlage, von welcher auch Vertreter einer strukturalistischen Semantik innerhalb der Linguistik ausgehen. In diesem Vortrag werden zunächst die Wesensmerkmale des semantischen Holismus und seine historische Entwicklung im 20. Jahrhundert dargelegt. Anschließend soll der Ansatz der strukturalistischen Semantik vorgestellt und sein Erklärungsvermögen bezüglich der phänomenalen Aspekte organischer Systeme beurteilt werden.

Der Strukturalismus steht im Gegensatz zum Repräsentationalismus, der einzelne (mentale) Repräsentationen als bedeutungskonstitutiv auffaßt. Der Strukturalismus geht hingegen davon aus, daß die zwischen den Zeichen einer Sprache bestehende Struktur bedeutungskonstitutiv ist. Er kann darum die vollkommene Unabhängigkeit von Zeichen und ihren Bedeutungen zu den Gegenständen der Welt im Sinne eines radikalen Konstruktivismus vertreten. Dementsprechend fokussiert die strukturalistische Semantik, wenn sie überhaupt mentalistisch ausgeprägt ist, den Zusammenhang zwischen Zeichen und den durch die auf ihnen bestehenden Strukturen hervorgerufenen Konzepten.



Zwar mögen auch strukturalistische Theorien einzelnen Repräsentationen eine Bedeutung zugestehen, maßgeblich müssen Bedeutungen jedoch aus den Strukturen eines Systems hervorgehen. Aus diesem Grunde können wahrheitskonditionale Semantiken und ebenso die von Jerry Fodor im Rahmen des Funktionalismus aufgestellte repräsentationale Theorie des Geistes nicht als strukturalistisch angesehen werden [Es02]. Der Strukturalismus hat seine Wurzeln zum einen in der Linguistik (Ferdinand de Saussure, Claude Lévi-Strauss, Louis Hjelmslev), zum anderen in der Mathematik durch David Hilbert, der die Annahme traf, daß der semantische Gehalt mathematischer Grundbegriffe allein aus ihren wechselseitigen Beziehungen hervorgehe. Hilbert verfolgte das Ziel, geometrische Begriffe von jedem Bezug auf Anschaulichkeit freizuhalten, da er darin eine stete Quelle von Fehlschlüssen sah [HM04]. Wie in "The number sense" und die Bedeutung von Zahlzeichen erläutert wird, ist die menschliche Anschauung von Zahlzeichen und einfachen arithmetischen Operationen in der Tat geometrischer, d.h. präziser ausgedrückt topologischer Natur, was auf die Divergenz zwischen natürlicher Bedeutung der Zahlen und einer formalistisch konzipierten Semantik hinweist. Tatsächlich scheiterte Hilberts Anliegen einer impliziten Definition geometrischer Begriffe daran, daß die automome Struktur eines rein formalistisch entworfenen Systems den empirischen Gehalt von Begriffen in keiner Weise reflektiert [Be08]. Überdies jedoch kann die Mathematik, wie Kurt Gödel später zeigte, ohnehin nicht immanent, d.h. allein aus ihren Gesetzen heraus, begründet werden, denn nach Gödels Unvollständigkeitssätzen von 1931, lassen sich die Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit eines hinreichend aussagekräftigen formalen Systems nicht miteinander vereinbaren, wodurch sich Hilberts Versuch einer widerspruchsfreien Formalisierung der Mathematik (Hilbertsches Programm) als unmöglich erwies.

Der semantische Holismus war ursprünglich und für lange Zeit weitgehend formalistisch geprägt. In der auf de Saussure zurückgehenden und durch Louis Hjelmslev formalisierten differentialistischen Semantik haben sprachliche Elemente allein dadurch Bedeutung, daß sie sich voneinander unterscheiden. In der von Wilfried Sellars formulierten Theorie, die heute als inferentialistische Semantik bezeichnet wird und auf die strukturalistischen Ansätze David Hilberts zurückgeht, sind ausschließlich die Schlußfolgerungsbeziehungen zwischen Ausdrücken bedeutungskonstituierend. Dies führt in beiden Beispielen auf das Problem des empirischen Gehalts und einen unauflösbaren Dualismus von Struktur und sprachlicher Praxis.

Im sogenannten postformalistischen Holismus oder Neostrukturalismus setzt sich die Erkenntnis durch, daß der Zusammenhang von sprachlichen Strukturen mit der Welt und mit der sprachlichen Praxis nur verstanden werden kann, wenn deren Merkmale in die bedeutungskonstituierenden Strukturen eines semantischen Systems einfließen, sodaß sie darin in einer spezifischen Form reflektiert werden. Insbesondere solche neostrukturalistischen Ansätze, die sich weniger auf die Praktiken der Sprachverwendung, sondern auf sinnliche Wahrnehmung als strukturmodulierende Faktoren beziehen, sind für unser Seminar zweifellos von besonderem Interesse.



Zuzuordnen in die Fachbereiche: Semiotik, Linguistik, Philosophie.

Mathematische Voraussetzungen: keine

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Literatur und Links:

[Be08]  BERTRAM, G.W., et. alii: In der Welt der Sprache. Konsequenzen des semantischen Holismus. Suhrkamp, 2008.

[Eco91] ECO, U.: Einführung in die Semiotik. (autorisierte deutsche Auflage durch Jürgen Trabant), Fink, München 2002. (Orig. 1962), ISBN. Umberto Eco (1991).

[Es02] ESFELD, M.: Holismus. Suhrkamp, 2002

[Es08] ESFELD, M.: Naturphilosophie als Metaphysik der Natur. Suhrkamp, 2008

[HJ68] HJELMSLEV, L.: Die Sprache. Eine Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968

[HM04] HILBERT, D: Grundlagen der Geometrie. Teubner 1899. Neudruck in HALLET, M.; MAJER, U. (ed.): David Hilbert's Lectures on the foundations of Mathematics and Physics, 1891–1933. Springer, 2004

[Lö03] LÖBNER, S. : Semantik. Eine Einführung. De Gruyter, 2003

[Sa67] DE SAUSSURE, F.: Cours de linguistique générale, Genf 1915; dt. Übers. Charles Bally: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 2. DeGruyter, 1967

Semiotics for Beginners

Philosophy of Mathematics (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Sebastian Löbner: Online-Wörterbuch zur Semantik und Pragmatik



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Last modified: Sun Mar 08 09:00:52 CET 2009