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"The number sense" und die Bedeutung von Zahlzeichen
In
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herrschte
in der Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie die Meinung vor, daß Sprache die
Voraussetzung für jegliche mathematische Fähigkeit sei.
Versuche mit Affen und Ratten haben jedoch gezeigt, daß
diese daraufhin trainierbar sind, einfache Additionsaufgaben in
Zahlenbereichen unterhalb von 10 zu lösen, wobei die zu
beobachtende Fehlerquote mit größeren Zahlen deutlich
zunahm [Deh97]. Eine für Sprachwissenschaftler spektakuläre
Entdeckung bot sich in der Sprache der Pirahã. Der am
brasilianischen Amazonas lebende Volksstamm verfügt
lediglich über drei Zahlwörter, welche in etwa eins,
zwei oder mehrere und viele bedeuten. Versuche, bei denen einzelnen
Pirahã eine Reihe von Gegenständen gezeigt wurde, und
sie gebeten wurden, die gleiche Anzahl von Gegenständen vor
sich hinzulegen, ergaben, daß diese Aufgabe für eine
zunehmende Anzahl von Gegenständen immer ungenauer bewältigt
wurde, die Pirahã jedoch zumindest ein grobes Schätzsystem
haben müssen, da die Verteilung der falschen Antworten bei
größeren Mengen von Gegenständen nicht rein
zufällig war [Go04]. Demzufolge existiert unabhängig
von der Sprache sowohl beim Menschen, als auch bei höher
entwickelten Tierarten ein unscharfes Konzept von Kardinalität,
welches in der mehr oder minder ausgeprägten Fähigkeit,
einer Menge die Anzahl ihrer Elemente zuzuordnen, zum Ausdruck
kommt. Eine eindeutige, präzise Zuordnung von Mengen zu
ihrer Mächtigkeit in einem größeren
Zahlenbereich erfordert offensichtlich jedoch Symbole oder
Zeichen für diskrete natürliche Zahlen. Allem Anschein
nach sind diese selbst der menschlichen Spezies nicht von Geburt
her mitgegeben. Erst recht müssen die für gewöhnlich
zum Lösen von Dreisatzaufgaben und komplizierteren Problemen herangezogenen
Kenntnisse algebraischer Strukturen als kulturelle Errungenschaft
von Generationen aufgefaßt werden [Cr07]. Dabei drängt
sich die Frage auf, was denn überhaupt unter der Kenntnis
algebraischer Strukturen zu verstehen sei - oder anders
formuliert: Was bleibt vom Zahlenbegriff übrig, wenn man von
den algebraischen Strukturen absieht? In diesem Vortrag wird dargelegt, daß
psychologische Untersuchungen an Mensch und Tier, sowie neurologische Erkenntnisse
dafür sprechen, daß die kognitiven Grundlagen des Konzepts der
Kardinalität als präkulturelle,
topologisch geartete Repräsentation bei Menschen und höher
entwickelten Tieren bereits vorhanden sind.
Zuzuordnen in die Fachbereiche: Kognitionswissenschaft, Psychologie, Mathematik.
Mathematische Voraussetzungen: Grundlagen der Topologie
Literatur und Links:
[Cr07] DE CRUZ, H. : How does complex mathematical theory arise?
Phylogenetic and cultural origins of algebra. In: C. Gershenson, D. Aerts & B. Edmonds
(eds.).Worldviews, science and us. Philosophy and complexity.New Jersey:World
Scientific, pp. 338-351, 2007
pdf
[DA75] DAVIDSON, D. Thought and talk.
In Guttenplan, S. (ed.) Mind and Language. Oxford: Oxford University Press, 1975
[DE97] DEHAENE, S. The number
sense. How the mind creates mathematics. Oxford University Press,
1997. Siehe auch: http://www.unicog.org/publications/Dehaene_PrecisNumberSense.pdf
[Go04] GORDON, P: Numerical cognition without words: evidence from Amazonia.
Science, 306, 496-499, 2004
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