Kognitive Semantik

Die kognitive Semantik ist aus den Kognitionswissenschaften hervorgegangen und stellt die konzeptuelle Ebene in das Zentrum ihrer Untersuchungen, welche die formale Semantik vollkommen ausklammert. Die Fragestellung ist hierbei weniger darauf gerichtet, wie Konzepte genau mit Zeichen verknüpft sind, sondern fokussiert mehr das Verhältnis zwischen Konzepten und ihrer Denotation, d.h. die Beziehung zwischen konzeptueller Ebene und der Welt.



Die kognitive Ausrichtung der Semantik soll in diesem Vortrag vorgestellt und dabei insbesondere ihr zentraler Ansatz einer Prototypensemantik genauer erläutert werden. Sie ist im wesentlichen eine lexikalische Semantik, d.h. sie konzentriert sich auf die Erforschung der kontextunabhängigen Bedeutung einzelner Wörter, worin sie sich noch einmal wesentlich von der formalen Semantik unterscheidet, die in erster Line eine Satzsemantik ist. Bedeutungen werden mit kognitiven Kategorien identifiziert. In der Prototypensemantik werden Prototypen und Basiskategorien vor dem Hintergrund der in den Kognitionswissenschaften gewonnenen Erkenntnisse über die kognitive Fähigkeit der Kategorisierung von Gegenständen untersucht. Dabei distanziert sich die Prototypensemantik von der traditionellen Kategorienauffassung, nach der eine Kategorie durch eine Menge von notwendigen und hinreichenden Merkmale ihrer Mitglieder definiert werden kann. Hingegen stehen die Mitglieder einer Kategorie in der Prototypentheorie lediglich durch eine sogenannte Familienähnlichkeit mit anderen Mitgliedern der Kategorie im Verhältnis, wobei es keine binäre, sondern eine graduelle Zuordnung gibt, demzufolge die Kategorien unscharfe Grenzen besitzen. Prototypen dienen als Referenzfälle für die Kategorisierung, sodaß die Zugehörigkeit zu einer Kategorie eine Frage der Ähnlichkeit mit dem Prototyp ist. Wenn beispielweise in unserem Kulturkreis der Prototyp der Kategorie "Vogel" durch das Rotkehlchen gegeben wäre, so besäße der Fink einen höheren Grad der Zugehörigkeit zu dieser Kategorie als der Pinguin. Da Prototypen als die besten Repräsentanten einer Kategorie erscheinen, sind sie es, die mit der Kategorie als erstes assoziiert werden. So lassen sich mit statistischen Untersuchungsmethoden Aufschlüsse über die regionale Verteilung einzelner Prototypen einer Kategorie gewinnen.



Kognitionswissenschaftler verweisen darauf, daß sich unscharfe Kategoriengrenzen in der Sprache unter anderem in sogenannten Heckenausdrücken widerspiegeln, wie beispielsweise "Ein Futon ist so eine Art Matratze" oder "Michaels Freundin ist eine richtige/totale Streberin", aber auch in lexikalischen Differenzierungen wie gelblich, graubraun oder taubengrau.

Ein besonders umstrittener Standpunkt der kognitiven Semantik besteht darin, daß sie die sonst für die Semantik grundlegende Trennung zwischen semantischem Wissen und Weltwissen (persönliches und kulturelles Wissen) aufhebt. Diese Sichtweise wird auch im Neostrukturalismus vertreten. Es soll im Vortrag auch genauer darauf eingegangen werden, wie sich die kognitive Semantik zum semantischen Holismus verhält und in Hinblick auf die zentrale Problematik des Seminars zu beurteilen ist.

Zuzuordnen in die Fachbereiche: Kognitionswissenschaft, Semiotik, Linguistik, Philosophie.

Mathematische Voraussetzungen: keine



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Literatur und Links:

[Lö03] LÖBNER, S. : Semantik. Eine Einführung. De Gruyter. 2003

[Kl98] KLEIBER, G. : Prototypensemantik. Eine Einführung. 2. Gunter Narr Verlag, 1998

[La87] LAKOFF, G.: Women, fire, and dangerous things: What categories reveal about the mind. The University if Chicago Press, 1987

[La73] LABOV, W.: The boundaries of words and their meanings. in C.-J. N. Bailey & R. W. Shuy (Hg.), New ways of analyzing variation in English, Vol. 1, Georgetown University Press, 1973

[Pu75] PUTNAM, H.: The meaning of meaning. In K. Gunderson (Hg.), Language, mind, and reality, Minnesotoa studies in philosophy of science, Vol. 7, University of Minnisota Press, 1975

[Ro73] ROSCH, E.: On the internal structure of perceptual and semantic categories. In T. E. Moore (Hg.), Cognitive development and the acquisition of language, Academic Press, 1973

Prototype theory (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Concepts (The Internet Encyclopedia of Philosophy)

http://www.linguistik-online.de/12_02/baerenfaenger.pdf

Sebastian Löbner: Online-Wörterbuch zur Semantik und Pragmatik



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Last modified: Mon Mar 16 09:00:52 CET 2009